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Mittwoch, 2. September 2009

"Tatort"-Skandal zieht immer weitere Kreise

Hamburg (dpo) - Der Skandal um die suspendierte Fernsehspielchefin des NDR, Doris Heinze, zieht immer weitere Kreise. Nachdem zunächst bekannt wurde, dass Heinze Aufträge für "Tatort"-Drehbücher unter anderem an ihren Ehemann vergeben hatte, kam jetzt ans Licht, dass Heinze sogar selbst unter einem Pseudonym Skripten für die beliebte ARD-Reihe verfasst hat.
Wesentlich schwerer als der Vorwurf der Vetternwirtschaft wiegt jedoch das, was Insider nun dem Postillon zugetragen haben: Unter Heinzes Führung sollen "Tatort"-Autoren polizeiliche Ermittlungen massiv behindert und Zeugenaussagen manipuliert haben. "Zum Großteil haben die Autoren den Beteiligten genau vorgeschrieben, was sie wann zu wem wie sagen sollen", berichtet ein Aussteiger aus der Szene, der nicht namentlich genannt werden will.
Außerdem sei unbefangene Ermittlungsarbeit unter der Knute der Drehbuchschreiber nicht möglich gewesen: "Durchsuchungsbeschlüsse, Dienstwägen, Hubschrauber - alles konnte man haben, wenn man nur gegen die Lieblingsverdächtigen der feinen Herren Autoren ermittelt hat", so ein ehemaliger Kommissar.
Druck, die Ermittlungen in eine genehme Richtung zu lenken, sei auch über die direkten Vorgesetzten der Polizisten, die Regisseure, ausgeübt worden: "Kaum hat man mal die Gedanken schweifen lassen und einen anderen ins Visier genommen, hieß es gleich 'Schniiiiitt! Kinder, ich kann so nicht arbeiten!" Ein faires, objektives Verfahren war so natürlich zu keinem Zeitpunkt möglich.
Hintergrund für das Vorgehen waren neben dem Größenwahn der Schreiber offenbar die starren Sendezeiten: Bis 21:45 Uhr musste ein Mörder gefunden sein. Ob der Hauptverdächtige die Tat nun wirklich begangen hat oder nicht, spielte um 21:42 Uhr keine Rolle mehr.
"Dass die Kollegen bei dieser Art zu arbeiten nicht irgendwann hingeschmissen haben, spricht nicht gerade für ihr Berufsethos", kritisiert Klaus Jansen vom Bund Deutscher Kriminalbeamter.
Die für die NDR-Ermittler zuständigen Staatsanwaltschaften in Hamburg, Bremen, Kiel und Hannover haben heute angekündigt, die Notwendigkeit der Wiederaufnahme zahlreicher Verfahren zu prüfen. Offenbar können einige überführt geglaubte Täter wieder hoffen.
Doris Heinze war zu einer Stellungnahme nicht zu erreichen.
csp; Foto rechts oben: Das ging ins Auge, Frau Heinze; Foto links: Immer schön die Hand offen halten; Foto unten rechts: In den Heinze-Tatorten befanden sich erstaunlich viele Kreidemännchen unter den Opfern.

Der Tatort im Postillon-Archiv:
Beinbruch



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