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Montag, 2. August 2010

Rezension: "Afghan War Diary" von WikiLeaks

New York, Hamburg (dpo) - In der internationalen Feuilleton-Landschaft wurde 'Afghan War Diary', das neue Werk der Künstlergruppe WikiLeaks, beinahe durchgängig verrissen. Insbesondere US-amerikanischen Kritikern ist das Kriegsepos ein Dorn im Auge.
Doch was steckt wirklich dahinter? Der Feuilleton des Postillon hat zusammen mit der renommierten New York Times Book Review die wichtigsten Kritikpunkte sowie einige wenige positive Elemente des Mammutwerkes herausgearbeitet:


1. Länge: 'Afghan War Diary' ist dafür, dass sich in der beschriebenen Zeitperiode so gut wie nichts ändert, mit 76.911 Seiten eindeutig zu lang. Tolstois 'Krieg und Frieden' oder Manns 'Buddenbrooks' erscheinen gegen diesen Schmöker wie Kurzgeschichten.
2. Sprache und Stil: Sprache und Stil sind viel zu nüchtern und militärisch. Zahlreiche Abkürzungen und Fachbegriffe erschweren den Lesegenuss und lassen keine echte Spannung aufkommen. Für die deutsche Übersetzung wäre ein Glossar hilfreich.
3. Story: Die Rahmenhandlung ist durchweg schwach. Dies liegt vor allem an der nicht nachvollziehbaren Strategie der Besatzungstruppen, den fehlenden Wendungen (siehe 6. Klimax), der sinnlosen Gewalt und den unnötig vielen Toten.
4. Stimmung: Die Stimmung ist durchweg düster und passt zum fehlenden Happy End (siehe 7. Ende). Positiv hervorzuheben ist, dass es keine klaren Trennlinien zwischen Gut und Böse gibt. Pakistan etwa kämpft sowohl für als auch gegen die Taliban. Die sogenannte Task Force 373 tötet nicht nur Feinde, sondern auch Zivilisten.
5. Charaktere: Bei den eher hölzern wirkenden Protagonisten lässt sich weder eine persönliche Entwicklung noch gesunder Menschenverstand erkennen. Reale Figuren würden mit der Zeit merken, dass sie durch ihr Handeln eine Spirale der Gewalt auslösen. Osama bin Laden, angeblich einer der Hauptcharaktere, taucht so gut wie nie auf.
6. Dramaturgie: Ein Höhepunkt fehlt völlig, stattdessen wird alles nur immer schlimmer.
7. Ende: Das Ende ist offen. Vermutlich wollte WikiLeaks die Möglichkeit wahren, einen Fortsetzungsroman zu veröffentlichen.

Fazit: Wie schon in ihrem sinnlos gewaltverherrlichenden Kurzfilm 'Collateral Murder', bei dem Soldaten ohne Sinn und Verstand aus einem Helikopter auf Journalisten schießen, hat die Künstlergruppe WikiLeaks nicht verstanden, was eine gute Geschichte ausmacht. Der in 'Afghan War Diary' beschriebene Afghanistankrieg ist aufgrund seiner Länge, dem sinnlosen Morden und der völligen Abwesenheit von Helden oder Identifikationsfiguren nur etwas für Masochisten.

ssi; Foto rechts oben: Soll 2011 auch als Paperback erscheinen: 76.911 Seiten langer Kriegsepos von WikiLeaks; Foto links: Immer nur schießen, schießen, schießen: Eindimensionale Charaktere aus dem 'Afghan War Diary'; Foto rechts unten: Glänzt mit Abwesenheit: Hauptcharakter Osama bin Laden.



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