Wahlumfragebetrug um Horst Schlämmer

Dienstag, 18. August 2009

Berlin (dpo) - Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz forderten heute die Generalsekretäre aller sechs im Bundestag vertretenen Parteien eine massive Änderung des Wahlrechts. In Zukunft solle der Bürger sich nicht mehr wie bislang für eine von vielen Parteien entscheiden müssen, sondern schlichtweg alle diejenigen ankreuzen, bei denen er sich theoretisch vorstellen könnte, sie zu wählen. Repräsentativ wäre der Bundestag dann nicht mehr und auch nicht regierungsfähig, aber alle Fraktionen könnten Stimmenzuwächse im zweistelligen Prozentbereich verzeichnen, so das Kalkül.
Unglaublich? Nein, denn ähnlich schwammig war auch die unselige Forsa-Umfrage im Auftrag des "Nachrichten"-Magazins Stern formuliert, die ergeben hat, dass sich 18% der Bundesbürger vorstellen können (!!!), den fiktiven Politiker Horst Schlämmer zu wählen. Nicht nur war zu erwarten, dass nicht jeder ernsthaft antwortet, darüber hinaus impliziert die Art der Fragestellung, dass jeder Befragte praktisch über beliebig viele Stimmen verfügt. Selbst die APPD (Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands) würde unter diesen Umständen die Fünfprozenthürde knacken, denn vorstellen kann man sich so einiges. Zahlreichen Zeitungen von Rang und Namen sind diese Einschränkungen schlicht egal und so titelten sie in den vergangenen Tagen fleißig:
Horst Schlämmer - Der neue Mister 18% (Süddeutsche.de)
Horst Schlämmer wäre bei Bundestagswahl erfolgreich - 18% für Schlämmerpartei (Hamburger Abendblatt)
Phänomen Schlämmer - wer soll deutscher Kanzler werden?: "Horst Schlämmer, der Senkrechtstarter in der deutschen Politik – satte 18 Prozent würden die Horst-Schämmer-Partei (HSP) wählen, hat eine Umfrage von dieser Woche ergeben (...)" (Bild.de)
Das Projekt 18 Prozent: "(...) Die HSP würde, träte sie denn zur Wahl an, auf Anhieb auf 18 Prozent in diesem Lande kommen. Das hat soeben eine Forsa-Umfrage ergeben (...) (Tagesspiegel)
Schlämmer fast so stark wie SPD: "(...) Immerhin 18 Prozent aller Wahlberechtigten würden ihm aus dem Stand die Stimme geben (...)" (Kölnische Rundschau)
und, und, und...
ssi; Foto: Profitiert von schlämmiger Umfrage: Parteichef Horst Schwammer; nicht im Bild: Qualitätsjournalismus.

Stefan Niggemeier hat die Malaise - unter anderem inspiriert vom Postillon - noch schöner zusammengefasst (falls das möglich ist):
18 Prozent

Paramantus zu Horst Schlämmer:
Wähler-Verwirrung? Kritik an Horst Schlämmer

Das Superwahljahr 2009 im Postillon-Archiv:
Satirepartei darf zur Bundestagswahl antreten
Obama: Merkel jetzt schon Sieger
Partei der Nichtwähler fast gegründet
Köhler schlägt Schwan
Westerwelle von Ei getroffen
Das Schweigen des Köhlers
Ernsthafte Konkurrenz für die FDP
Eine Stimme für Ronald Pofalla
Schwarz-gelbe Hormonie
Schadensbegrenzung
Mit dem dritten Gesichtsausdruck zur Kanzlerschaft
Bitte lächeln
Roland Koch im Amt bestätigt

2 Kommentare:

Friederich hat gesagt…

Die Überschrift der Kölnischen verstehe ich nicht: Rechnen die etwa mit mehr als 18% für die SPD?

Anonym hat gesagt…

Danke!

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