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Dienstag, 19. Oktober 2021

Nach Reichelt-Rauswurf: "Bild"-Zeitung sieht heute mysteriöserweise nicht so aus

Berlin (dpo) - Seit wann lässt man denn bei Springer solche Sensationsnachrichten links liegen? Obwohl mit "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt einer der wichtigsten Medienmanager Deutschlands seinen Job aufgrund von Mobbing, belästigendem Verhalten gegenüber Frauen und weiterer Verfehlungen verlor, berichtet das Boulevardblatt lieber über völlig andere Themen. Dabei hätte die Titelseite unter normalen Umständen so wie hier gezeigt aussehen müssen.

"Die Story hat alles, was 'Bild' sonst liebt: Machtmissbrauch, Sex, Drogen", so Medienexpertin Cordula Beremeser. "Ja, manche Dinge davon sind noch unbelegt oder juristisch zweifelhafter Natur, bei anderen gilt die Unschuldsvermutung – aber das sind alles Dinge, auf die 'Bild' sonst auch einfach pfeift. Und diesmal berichtete sogar die 'New York Times'."

Die fehlende "Bild"-Berichterstattung könnte auch der Grund dafür sein, dass die Nachbarschaft um Reichelts Wohnhaus bislang noch völlig unbehelligt ist. "Niemand hat mich gefragt, was für ein Typ dieser Reichelt überhaupt ist, ob er mir schon mal irgendwie aufgefallen ist und ob ich ihm solche Taten überhaupt zugetraut hätte", erklärt etwa der Nachbar vier Häuser weiter. "Das kommt mir schon ein bisschen seltsam vor, ehrlich gesagt. Sehr verdächtig."

Ähnliches berichten Verwandte, Freunde und Familie Reichelts. ""Ich wurde nicht von Reportern bedrängt, alte Familienalben nach Fotos von Julian zu durchstöbern, damit diese neben der Schlagzeile 'So grinste das spätere Sex-Monster an seinem ersten Schultag' veröffentlicht werden können", bestätigt eine Cousine Reichelts.

Statt damit in großen bunten Buchstaben aufzumachen, berichtet "Bild" von der Causa Reichelt rechts oben auf Seite 3:

Nicht Machtmissbrauch, Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen, Psychoterror und gefälschte Scheidungspapiere (!) wurden Reichelt dem dürren Text zufolge zum Verhängnis, sondern "Presserecherchen".

Dabei wäre das eine hervorragende Gelegenheit gewesen, um auf einer Doppelseite im Inneren der Ausgabe auch ältere Vorwürfe gegen Julian Reichelt noch einmal aufzukochen – etwa aus der Zeit, als sein Vorgänger Kai Diekmann im Jahr 2018 von einer Mitarbeiterin mit Vergewaltigungsvorwürfen konfrontiert wurde. Damals verlief der Fall im Sand, nachdem Reichelt einen Feldzug gegen das mutmaßliche Opfer geführt und dessen charakterliche Vernichtung vorangetrieben hatte.

Immerhin: Seit Jahrzehnten fragen sich Experten für Medienethik, ob es auch Grenzen gibt, was die Rücksichtslosigkeit der "Bild"-Zeitung in den Bereichen reißerische Berichterstattung, Persönlichkeitsrechtverletzungen oder Vorverurteilung angeht. Nun scheint klar: Ja – sofern einer der ihren betroffen ist.

ssi, dan; Foto Reichelt: picture alliance; Hinweis: Erschien im März bereits ähnlich.

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