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Dienstag, 13. Oktober 2020

Schrecklicher Verdacht: Wird Querdenken von der Klopapier-Industrie finanziert?

Stuttgart (dpo) - Seit Monaten demonstrieren "Querdenken"-Anhänger gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung und erreichen damit zahlreiche Menschen. Doch wo liegen die Ursprünge dieser Bewegung? Ist sie wirklich nur von Spenden finanziert, wie immer wieder behauptet? Oder gibt es gar mächtige Hintermänner? Dies sind die Ergebnisse einer exklusiven Postillon-Recherche.

Alles beginnt mit einem anonymen Hinweis: In der Redaktion des Postillon geht ein Paket ein. Darin: Eine Rolle Toilettenpapier, eine Quittung sowie ein Foto der ersten Querdenken-Demo vom 18. April mit gerade einmal 50 Personen:

Besonders interessiert uns jedoch die Quittung. Sie stammt vom 10. April 2020 und weist eine "Spende" in Höhe von 49.999 Euro vom Toilettenpapierhersteller Hakle an einen "M. Ballweg." aus. M. Ballweg? M. Ballweg? Wo haben wir diesen Namen schon einmal gehört? Eine Suche in unserer hauseigenen Recherchier-Maschine "Google" gibt Aufschluss. Es handelt sich offenbar um Querdenken-Gründer Michael Ballweg. Gibt es eine Verbindung zwischen ihm und der Toilettenpapier-Industrie?

Das Investigativteam des Postillon beginnt mit der Recherche. Von Insidern erfahren wir: Alle wichtigen Personen in der Querdenkerszene nutzen selbst Klopapier, einige täglich. Auch Ballweg. Zufall?

Doch warum sollte die Toilettenpapier-Branche Interesse daran haben, die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung zu torpedieren? Ein Blick auf die aktuellen Börsenkurse der führenden Hersteller des Landes lässt tief blicken: Essity (-17,0%), Hakle (-14,9%), Wepa (-22,1%), Plock (-19,8%), Anti-Germ Deutschland (-31,3%)... Die Liste ließe sich ewig so weiterführen. Warum schreibt die gesamte deutsche Hygienepapier-Industrie seit Monaten hohe Verluste?

Wir graben tiefer, telefonieren mit Quellen, recherchieren im Darknet, machen auch mal Pause und essen ein Käsebrot, wühlen in Telegram-Chats: Schließlich gelingt es uns, einen Insider zu treffen. Der ehemalige Mitarbeiter von Hakle erklärt uns, wie die Toilettenpapier-Industrie in Schieflage kam, obwohl das Jahr 2020 eigentlich zunächst sehr vielversprechend begann. Denn mit der ersten Coronawelle im Februar und März begann ein historisch beispielloser Run auf die weißen Rollen.

"Wir kamen mit der Produktion kaum nach, fuhren Milliardengewinne ein", so der Insider. "Das landete zum Teil in den Taschen der Aktionäre, aber viel wurde auch in teure Maschinen investiert. In größere Lagerhallen und Mitarbeiter. Man dachte, dieser Boom hört nie auf und wollte die Kapazitäten erhöhen."

Doch dann der gnadenlose Absturz: Mit dem Rückgang der Infiziertenzahlen stagnierten die Umsätze nicht nur – sie sanken vielmehr ins Bodenlose, als viele Menschen begannen, ihre riesigen Vorräte aufzubrauchen, anstatt neues Klopapier nachzukaufen. Verzweifelt suchte man nach neuen Wegen, um das Produkt wieder attraktiv zu machen.

Ein geheimes Treffen von Branchengrößen Anfang April in einem Hotel im Schwarzwald brachte schließlich den Durchbruch: Ein Manager bei Essity erklärte bei einer abendlichen Koksparty, er kenne einen "klugen Kopf", der bereit sei, mit dem Geld von "Big Klopapier" dafür zu sorgen, dass "so viele Menschen wie möglich die Corona-Maßnahmen und sogar das Virus selbst anzweifeln". In nur wenigen Monaten, wenn nicht gar Wochen, befände man sich dann vor einer zweiten Welle – Toilettenpapier würde wieder zur gefragten Ware. Anschließend prostete man sich euphorisch zu, Hotelangestellte berichten von einer ausgelassenen Stimmung und wilden Sexgeräuschen. Auch mehrere Rollen Toilettenpapier sollen involviert gewesen sein.

Insgesamt sieben Konzerne taten sich in den Tagen darauf zusammen, um "Querdenken" - damals eine winzige Bewegung ohne Mittel - finanziell zu unterstützen. In den darauffolgenden Monaten wurde die Zusammenarbeit immer intensiver. Dem Postillon liegt exklusiv ein WhatsApp-Protokoll zwischen Michael Ballweg und einem Kontaktmann des Toilettenpapierkartells aus dem Juli 2020 vor, in dem künftige Zahlungen diskutiert werden.

Big Klopapier kann in der Tat "Stolz" (sic!) sein: Der Tag, an dem wir diese Recherche veröffentlichen, ist der 13. Oktober 2020. Nicht zuletzt dank der Corona-Skeptiker um Querdenken 711 scheint die zweite Welle unmittelbar bevorzustehen. Experten vermuten, dass schon das Foto eines einzigen leeren Regals ausreichen könnte, um den zweiten großen Run auf Klopapier auszulösen.

"Für das, was die Toilettenpapier-Industrie hier dem deutschen Volk in vollem Wissen angetan hat, gehören die Protagonisten hart bestraft – sowohl finanziell als auch, was ihr Ansehen angeht", erklärt Wirtschaftsjurist Karl-Heinz Kobler, als wir ihm die Ergebnisse unserer Recherche zeigen. "Ihr Produkt sollte künftig allenfalls noch dazu verwendet werden, um sich damit den Arsch abzuwischen und es anschließend im Klo runterzuspülen!"

Auch nach diesen Enthüllungen bleiben viele Fragen offen: Ist Querdenken die einzige Gruppe, die von Big Klopapier eingewickelt wurde? Was weiß der Wendler? Stecken Barilla, Bernbacher, Erfurter Teigwaren und andere Nudelhersteller, die gemeinsam "Big Nudel" genannt werden, ebenfalls mit drin? Der Postillon wird weiter recherchieren und Sie auf dem Laufenden halten.

adg, ssi, dan; Fotos: dpa/Shutterstock
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